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Endlich war der große Tag gekommen. Ich hatte es schon kaum
noch erwarten können, denn heute - endlich - sollte ich eine
Frau werden. Wie versprochen hatte ich schon am Morgen ein wunderschönes
Tuch, einen Spiegel und herrliche Sandalen geschenkt bekommen. Ein
so schönes Tuch darf nicht schmutzig werden und so band ich
es nicht um, sondern klemmte es zusammengelegt unter den Arm und
schritt stolz hinter den anderen Mädchen auf dem Pfad hinaus
aus dem Dorf.
Auf dem Weg zitterten mir vor Aufregung die Knie. Als ich dann die
alte Frau sah, die schwer gebeugt zum Lager unter der Schirmakazie
kam, packte mich plötzlich Entsetzten. Ich sah zu, wie sie
mit zitternden Händen ein Tuch ausbreitete und darauf einen
Beutel mit Asche, eine Dose mit klebriger Paste, einige Akaziendornen
und eine halbe Rasierklinge legte. Meine Mutter deutete auf den
Platz vor ihr, ich sollte dort Platz nehmen und dann hörte
ich noch: "Sei ein artiges Kind, mach mir keine Schande und
schrei nicht."
Jetzt geschah alles ganz schnell. Meine Tante und meine Mutter hielten
mich fest und in meinem Kopf explodierte ein unsagbarer Schmerz-
ein Schmerz, den ich auch nach über 30 Jahren noch immer deutlich
nachfühlen kann. Er hat nur ein Gutes, dass er die Ohnmacht
bringt.
Nach dem ersten Schnitt war ich nicht mehr ansprechbar, hab nicht
mehr gefühlt, was noch getan, geschnitten und zusammengenäht
wurde. Aber beim Aufwachen waren meine Beine von Knöchel bis
Hüfte fest umwickelt. Ich sollte mich nicht bewegen, damit
die Wunde verheilen kann. Alles tat weh und dann erst begann die
eigentliche Tortur.
Nur ein stecknadelgroßes Loch soll bleiben, damit Urin und
Blut abfließen können. Bei mir blieb nicht einmal das
und so wurde am nächsten Tag die Prozedur wiederholt und ein
Stück der Naht wieder geöffnet. Wahrscheinlich dadurch
hat sich die Wunde entzündete. Wochenlang hatte ich hohes Fieber,
die Wunde eiterte. Und während ich mit mit dem Tod rang, kaufte
meine Mutter sogar schon ein Leichentuch.
Ich starb nicht. Aber ich konnte auch nicht mehr umherspringen
wie früher, ich konnte meiner Familie nicht mehr helfen und
was noch schlimmer war, ich konnte ihr bei ihren Märschen durch
die Wüste nicht mehr folgen. Sie schickten mich zu meinem Onkel,
der ein Haus in Mogadischu hatte und der andere Teil meines Lebens
begann. Zum ersten mal sah ich Autos, hörte Radio. Später
durfte ich auch zur Schule gehen. Aber richtig gesund wurde ich
nicht. Ich bekam zusätzlich Rheuma, wahrscheinlich eine Folge
der schlimmen Infektion. Und als die Ärzte in Mogadischu nicht
mehr weiter wissen, schickt mich mein Onkel zunächst nach Italien
und später nach Deutschland. Seit 1979 lebe ich jetzt in München
- der dritte Teil meines Lebens. Aber noch heute habe ich gesundheitliche
Probleme, die sich eindeutig auf die Beschneidung zurückführen
lassen. Ärzten in Somalia und in Europa verdanke ich, dass
ich heute ein glückliches Familienleben mit meinem Mann und
meinem Sohn führen kann.
Meiner Mutter habe ich längst verziehen, sie wollte nur
das Beste für mich und konnte dem Druck der Gemeinschaft nicht
ausweichen. Aber der Beschneiderin, die so alt, zitterig, fast blind
war und die ihren Beruf daher schon längst hätte nicht
mehr ausführen dürfen, habe ich bis heute nicht verziehen.
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